Marathonträume - Hamburg Marathon 2007

Kurz nach Meldeschluss verkündete ich im Laufforum-Hamburg meine Ziele: Um die Medaillen mitlaufen. Gemeint waren natürlich die BSV-Meisterschaften und da vor allem Platz drei. Da man bei langen Läufen aber viel Zeit hat, erträumte ich mir auch schon mal des öfteren folgendes Szenario:  Bei km 35 taucht Ralf Härle vor mir auf, den ich dann kurze Zeit später überhole. Bei km 40 kommt dann Tilman Deneke in Sicht, der nach zu schnellem Beginn eingebrochen ist. Am Ende werde ich BSV-Meister J.

Nun wurde es aber langsam Ernst, das Marathonwochenende stand vor der Tür. Am Samstag erst noch das Zehntel, bei dem ich meine Trainingsgruppe der Grundschule Bergstedt betreute. Über 10 Wochen hatten Oliver Kielmann und ich die Schüler jeden Samstag trainiert. Es sollte sich auszahlen: Platz 2 für Bergstedt, immerhin mit 300,- Euro für die Schule belohnt! Toll gemacht Kinder!!! So dürfte das Wochenende weitergehen.

Am Abend packte ich meine Sachen, suchte mindestens 30 Minuten das passende Sockenpaar. Seit dem Links-Rechts-Zeitalter habe ich irgendwie immer nur weiße L und schwarze R. Zudem sollten sie auch noch zu meinen Schuhen passen, was bei gelben Rennpuschen gar nicht so einfach ist. Am Ende nahm ich etwas genervt die Blauen... die fand ich mit L und R und sie passten zumindest zum Trikot
J Um 21.00 Uhr ziehe ich meine Rennklamotten an und laufe noch einmal lockere 2km. Herrlich kühl ist es, ideales Laufwetter! Trotzdem kontrolliere im Internet zum einhundersten mal den Wetterbericht und vertraue hoffnungsvoll den Wetterfröschen. Es soll definitiv kühler werden, allerdings auch recht windig.

Danach gönne ich mir ein Bier. Das Erste seit Wochen. Um 22:30 Uhr verschwinde ich dann im Bett, lese noch etwas in Wigald Bonings neuem Buch und nuckle an meiner Wasserflasche. Schließlich will ich gut hydriert sein, denn wer weiß, ob es nicht doch heiß wird... Nach zwei Stunden rächt sich die Hydration: Ich muss mal. Trotzdem schaffe ich noch vor dem Einschlafen für weiteren Wassernachschub. Die Folge: siehe oben. Um sechs klingelt dann mein Wecker. Aufstehen, anziehen, frühstücken. In Erinnerung an ein gemeinsames Marathonfrühstück mit Gösta (Odense 2001) vertilge ich zwei Toast mit Honig (Gösta schaffte, glaub ich, vier) und eine halbe Banane. Um 7.15Uhr fährt mich Gabi nach Poppenbüttel. Im Gepäck liebe Briefe meiner Kinder und vor allem drei
kleine Glücksschweinchen. Die kommen später in meine kleine Geldtasche und
laufen den Marathon tatsächlich mit
J

Am Bahnhof treffe ich Norbert Koszieras und Friedhelm Gehle. Wir machen noch ein gemeinsames Foto ... mit dem neuen Betriebssportmeister wird gescherzt. Mit jeder Station füllt sich der Zug mit mehr Läufern. Schön, dabei zu sein!

Um 8.15 Uhr treffen wir uns mit den NDRlern zum Mannschaftsfoto vor dem Japanischen Teehaus. Immerhin 14 unserer Starter sind dabei. Noch einmal Schulterklopfen und Glück wünschen, dann geht es für mich zur Kleiderbeutelabgabe. Die ist neu organisiert und funktioniert besser als jemals zuvor. Hut ab! Schnell noch eincremen und dann geht es, bepackt mit Wasserflasche und Bananenstück, Richtung Start. Direkt vor der Halle sind diesmal zahlreiche Toilettenhäuschen aufgereiht, und da die Schlangen so kurz
sind, reihe ich mich vorsichtshalber auch noch einmal ein. Keine 5 Minuten später schlendere ich zum Startblock, nuckle etwas an meiner Wasserflasche und komme problemlos in meinen Block B. Jetzt noch unauffällig unter dem Seil in Block A und ich stehe pünktlich um viertel vor neun am verabredeten Punkt. Hier soll ich nämlich Benjamin Ehlers und weitere Läufer der Trainingsgruppe von Carsten Hinz treffen. Zielvorgabe 3:50min/km. Allerdings steht dort nur Benni, die anderen wollen nun doch langsamer angehen. Um es vorwegzunehmen, besonders Andreas Kamleitner gelingt dies mit 2:45 am Ende besonders gut.

Zum Einstimmen gibt es dieses Jahr die Nationalhymne. Scheinbar haben die Veranstalter zu viele amerikanische Marathonläufe beobachtet
J Aber egal, denn jetzt geht´s los. 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 und Schuss. Vor uns schnellen die schwarzen Gazellen davon, Benjamin und ich reihen uns am Rand ein. Nur ruhig bleiben! Um uns herum laufen viele Hamburger Läufer: Malte Polster, Olaf Bruhnke, Volker Sturm. Ich fühl mich locker und bin wirklich guter Dinge.

KM1 – 3:57min – etwas zu langsam, aber besser als zu schnell. Zu uns gesellt sich jetzt auch Ralf Härle und das Tempo wird etwas angezogen. KM2 – 7:30min – die Alarmglocken schrillen – Bremsen!!! – Benni und ich drosseln das Tempo und lassen die anderen ziehen. Benni ist ein super Laufpartner, läuft sehr kontrolliert und mahnt immer wieder zur Ruhe.

 

Obwohl sich kein Wölkchen am Himmel zeigt, ist es noch angenehm kühl. Bleibt nur die
Frage, ob es so bleibt. Also trinken wir schon ab KM5, die wir aufgrund des zu schnellen zweiten Kilometers in 19:00 Minuten überqueren. Benni kühlt sich und, sehr aufmerksam, auch mich mit dem Schwamm. Reeperbahn, Altona, alles läuft bestens. Vor uns geraten Ralf, Volker und Tilman außer Sicht, dafür laufen wir auf Thomas Wenck auf. Als ich anfange zu quatschen, knurrt Benni: Nicht reden, konzentrieren. Recht hat er. Jetzt geht es auf die Elbchaussee und damit wird es für die nächsten 8km windig. Das Feld ist hier schon ziemlich auseinandergezogen und in unserem Bereich auch relativ dünn. Es dauert etwas bis sich eine kleine Gruppe bildet, in der wir zumindest hin und wieder  Windschatten suchen. 
Wir laufen jetzt sehr gleichmäßige km-Zeiten und gehen mit 38:11 bei KM10 durch. Super! Danach „stürzen“ wir uns die Hafenstraße herunter. Gänsehautfeeling! Tausende Zuschauer machen einen ohrenbetäubenden Krach. Jetzt nur nicht zu schnell werden. An den Landungsbrücken steigert sich Stimmung schier ins Unermessliche. Wahnsinn! Und trotzdem bleiben Benni und ich hochkonzentriert, suchen immer die Ideallinie und halten stur unser Tempo.

 

An der Speicherstadt wird es ruhiger. Kurz vor dem Wallringtunnel nehme ich neben Wasser auch mein erstes Stück Banane. Dann geht es in den Tunnel. In der Mitte KM15, die wir in 57:24 durcheilen. Man ist es hier ruhig... was sich am Ausgang allerdings schlagartig ändert. Dort steht es wieder und zwar zu Tausenden, das wohl beste Marathonpublikum der Welt. Ich genieße den Applaus und freue mich einfach nur. Kurz vor KM17 stehen meine Eltern, wie immer an der gleichen Stelle. Irgendwie beruhigend! An der Alster fällt unsere Gruppe langsam auseinander, auch Thomas fällt zurück. Benni und ich laufen aber weiterhin konstant unsere 3:50min/km., erreichen nach 1:20:44 die Halbmarathonmarke. Damit haben wir fast eine Punktlandung hingelegt, wobei allerdings die absolute Leichtigkeit der ersten Kilometer etwas dahinschwindet.  Zumal es jetzt nicht gerade einfacher wird, denn die Strecke steigt bis KM25 immer wieder an.

Die Zuschauer sind weiterhin klasse und treiben uns stetig weiter. Immer wieder hört man seinen Namen, aber mehr als ein kurzer Wink kommt von mir selten zurück. KM25 erreichen wir in 1:35:53, womit wir nur wenige Sekunden auf diesem schwierigen Streckenabschnitt verloren haben. Plötzlich schließt Thomas Wenck mit  einer Gruppe Läufer zu uns auf. Jetzt geht´s ans Eingemachte ruft er uns zu, womit er wohl recht hat. Gemeinsam laufen wir in die City Nord, wo uns auch dieses Jahr wieder eine gigantische Stimmung erwartet. Nach einer winzigen Schwächephase nach KM25 fühle ich mich wieder unheimlich gut. Es läuft einfach. Dafür wirkt Benni erstmals in diesem Rennen etwas angestrengt, hält aber unbeirrt das Tempo. Bei KM28 fallen die anderen wieder ab und Benni meint wir müssen ruhiger laufen. Ein Blick auf die Uhr treibt mich aber weiter voran, denn wir sind nicht zu schnell, nur etwas müder.

 
Bei KM29 ist es dann soweit. Benni muss abreißen lassen. Such dein Tempo rufe ich ihm noch zu und verabschiede mich nach vorne. Allerdings bin ich jetzt nahezu alleine, was die Sache auf den nächsten Kilometern nicht einfacher macht. Aber erst einmal kommt meine Familie. Wie verabredet stehen sie bei KM30. Julius, Chiara und Ludwig halten Schilder in die Luft und machen mit allerhand Musikinstrumenten ordentlich Krach. Ich klatsche meine Kinder ab und laufe hochmotiviert weiter. Gabi feuert mich ein Stückchen weiter an. Alles OK??? Ja, alles bestens! Bei KM30 hatte ich übrigens 1:55:09 auf der Uhr stehen, lag also nur 9 Sekunden über meinem Zeitplan. Nahezu perfekt! Jetzt nur nicht das Rechnen anfangen, sondern einfach konzentriert weiter laufen.Das das ohne meinen Laufpartner Benni gar nicht so einfach wird, zeigt sich schon auf dem nächsten Kilometer. 4:04 für einen Kilometer. Was ist los? Leichte Panik
überkommt mich. Allerdings fühle ich mich immer noch gut, beschließe also, einfach so weiter zu laufen. Auch der nächste Kilometer ist ähnlich „langsam“. Na ja, was sollst. Bei 33 steht meine Familie noch einmal. Wieder die übliche Frage meiner Frau: Alles OK? Ja, etwas langsamer, aber ich fühl mich gut.

Dann stehen rechts meine Freunde. Und ich fühl mich immer noch gut. Irgendwie läuft es plötzlich wieder. KM34 und die Uhr zeigt 15:45 min, wieder unter 4er-Schnitt, da geht heute noch was!

So langsam nähern wir uns KM35 und ich erinnere noch mal an meinen Traum. Denn wer sollte da in Sicht kommen? Richtig, Ralf Härle von der BSG Siemens. Und tatsächlich leuchtet in der Ferne ein gelbes Trikot. Ich mache mich auf die Jagd. Meine Kilometerzeiten gehen wieder auf 3:50min/km. Langsam erkenne ich auch die Person und nicht nur das Trikot. Zudem taucht etwas überraschend auch noch Volker Sturm auf, der leider sogar Gehpausen einlegen muss. Bei KM35 (2:14:51) beträgt der Rückstand nur noch knapp eine halbe Minute. Ich fliege förmlich heran, gehe zuerst an Volker und dann an Ralf vorbei. Adrenalin
pur! Zudem nehmen die Zuschauermassen in Eppendorf wieder beängstigende Ausmaße an. Der Eppendorfer Baum ist aus meiner Sicht DER Höhepunkt des Marathons. Ich klatsche Richtung Menge und werde mit einem tausendfachen Echo belohnt. Sensationell!!! Zudem hole ich Läufer um Läufer ein, pushe mich regelrecht nach vorne.

Nach jedem Hoch kommt bekanntlich ja aber auch wieder ein Tief und bei KM38, im Anstieg an der Rothenbaumchaussee, dachte ich kurzzeitig, ich hätte meine Körner zu früh verbraucht. Aber es lief erstaunlicherweise immer noch gut. Bei KM40 (2:34:37)noch einmal Anfeuerung von der BSG NDR. Immerhin reicht es zu einem kurzen Winken...

 

Und Bernhard teilt mir mit, das Tilman aus dem Rennen ist, aber wohl noch auf der Strecke. Ich soll ihm noch sagen, dass er bloß nicht durchs Ziel laufen soll. Nur noch zwei Kilometer und ich laufe tatsächlich um die BSV-Meisterschaft. Das motiviert! Kurz hinter dem Dammtor erfüllt sich Teil 2 meines Traums, denn Tilli kommt in Sicht. Eingangs der Esplanade habe ich ihn eingeholt. Ich bin aus dem Rennen, ruft er mir zu. Ich weiß, antworte ich, zu mehr fehlt mir jetzt einfach die Kraft und die Lust. Ich will jetzt endlich in´s Ziel. An der Musikhalle drehe ich mich noch einmal um, schließlich möchte ich auf den letzten Metern nicht noch überrascht werden. Aber da kommt keiner mehr! KM42 – und die Uhr zeigt 2:43. Super, super, super. Ich genieße die letzten 200m und lasse mich gebührend feiern. Am Ende laufe ich in 2:43:34 Netto über die Ziellinie! Im Zielbereich werde von meinem Kollegen Jürgen Kopp und mehreren Zeitungsreportern interviewt. Die Frage "... und sie sind schnellster Hamburger“ verneine ich natürlich, was, trotz meines Hinweises auf den BSV-Titel, für deutliche Begeisterungsabkühlung bei den
Journalisten führt
J.

Danach nehme ich  am Zaun strahlend meine große Tochter Alessa in den Arm, die wie immer den Weg bis zum Ziel gefunden hat. Was für ein geiler Marathon!!! Auch Dank der Unterstützung und dem Verständnis meiner Familie. Dafür ein riesiges DANKE!!!!!

PS: Benni finishte in neuer persönlicher Bestzeit von 2:49 und freute sich fast so doll wie ich. Auch auf diesem Wege nochmals vielen Dank an Benni für den tollen Lauf! Und auch den Organisatoren ein großes Lob. Besser kann man einen Marathon eigentlich nicht
machen!